Schon vor Beginn meines Referendariats war der Plan gefasst: meine Wahlstation sollte etwas Besonderes sein. Etwas, worauf ich mich freuen könnte, während ich die Tage bei der Staatsanwaltschaft ackern und mich in der Verwaltungsstation langweilen würde. Nachdem dann noch der Entschluss gefasst war, ins Ausland zu gehen, war die Wahl schon fast getroffen. Es sollte an die Ostküste der Vereinigten Staaten gehen. Der Rechtsanwalt, für den ich während des Studiums schon tätig war, bot seine Hilfe an, verschickte ein paar E-Mails und innerhalb von zwei Wochen (noch während der Station beim Landgericht) stand fest: in einer New Yorker Anwaltskanzlei war ein Platz für mich frei.
New York – das klang so richtig nach der großen weiten Welt und nach einer aufregenden, faszinierenden Stadt. Im Rückblick kann ich sagen: ja, das ist New York. Das Freizeitangebot ist einfach unglaublich und lässt selbst einen Berliner noch neidisch werden. Allerorten locken irgendwelche Bauwerke, Denkmäler und andere Sehenswürdigkeiten, die einem irgendwie alle bekannt vorkommen, etwa die Brooklyn Bridge, das Empire State und das Chrysler Building, das Rockefeller Center mit dem berühmten Weihnachtsbaum (auch wenn er dieses Jahr äußerst mickrig ausfiel, aber das kennt man ja auch aus Berlin) oder die Statue of Liberty. Und natürlich ist New York ein einziges Shoppingparadies, jedenfalls für die Leute, die sich beim Schlendern durch die an einer Schnur aufgereihten großen Geschäfte an der Fifth Avenue wie im Paradies fühlen.
Weil dem so ist, ist man nie allein in New York. Morgens und am späten Nachmittag schieben sich die berufstätigen Menschenmassen in die New Yorker U-Bahn und durch ein aberwitziges System an Auf- und Ab-, Ein- und Ausgängen selbiger. Und das Herz Manhattans rund um den Times Square ist den ganzen Tag über regelrecht lahm gelegt durch Berge von Touristen. Da muss schon mal die Straße als Bürgersteig herhalten. Überhaupt kommt die Stadt nie zur Ruhe. Die an fast jeder zweiten Ecke beheimatete Drogerie, die nur dem Namen nach eine solche ist, weil sie im Grunde eher einem Gemischtwarenladen gleicht, hat rund um die Uhr geöffnet. Auch Kaffee kann man rund um die Uhr trinken – eine nicht unbekannte Kaffeekette unterhält 316 Filialen allein in Manhattan. Manhattan, das einige oftmals vorschnell für New York halten, weil es dieses charakteristische Inselstück ist, das als erstes in den Reiseführern dargestellt wird, ist übrigens nur einer von fünf Stadtteilen. In Manhattan leben 1,5 Millionen Menschen, tagsüber halten sich aber ohne Weiteres 4 Millionen Menschen dort auf. Gigantisch wirkt diese Zahl, wenn man sich vor Augen hält, dass Manhattan von der Fläche her gerade mal in etwa so groß ist wie der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf.
Die Arbeit
Leider hatte ich, gerade in der Anfangszeit, kaum Gelegenheit, die Stadt kennen zu lernen, denn das Arbeitsleben ist ähnlich hektisch. Und lange Arbeitszeiten gehören zum Alltag. Ich glaube, ich habe insofern mit meiner Station (bei
Kelley, Drye & Warren mit ca. 400 Anwälten
an 7 Standorten) noch ziemliches Glück gehabt. In aller Regel habe ich nicht mehr als 10 Stunden inklusive Mittagspause pro Tag im Büro verbracht, wobei ich allerdings – Dank des gestellten BlackBerrys – auch sonst jederzeit erreichbar war, was der Partner, der mich betreut hat, mit Vorliebe am Wochenende immer mal wieder genutzt hat.
Die European Practice Group, für die ich tätig war, betreute überwiegend deutsche und deutschsprachige Mandaten, die sich oft die Kanzlei gezielt ausgesucht hatten, weil sie für ihre Gerichtsverfahren oder anderweitigen Mandate in den Vereinigten Staaten zur Vereinfachung ihrer Korrespondenz deutschsprachige Ansprechpartner haben wollten. So stammte mein Chef aus Deutschland. Da natürlich die Anwälte, die die Verfahren unmittelbar betreut haben, Amerikaner waren, kann man sich unschwer vorstellen, dass ich viel Zeit damit verbracht habe, Dokumente und Schriftverkehr hin und her zu übersetzen. Sich zu überlegen, wie man den Satz „Er stellt die Tatsachen auf den Kopf und versucht das kommunikative Chaos mit unhaltbaren Anschuldigungen gegen uns zu übertünchen“ ins Englische übersetzt, ist auch ein Weg, seine Sprachkenntnisse zu vertiefen.
Anders als dies in Kanzleien oft üblich ist, hatte ich in den Mandaten, an denen ich gearbeitet habe, jeweils vollen Zugriff auf die Akten. Auch sonst wurde ich weitgehend integriert und konnte an vielen Besprechungen, Telefonaten und Gerichtsterminen in „meinen“ Mandaten teilnehmen – auch das ist leider keine Selbstverständlichkeit. Wirklich gefreut hat mich, dass ich auch zu allen von der Kanzlei angebotenen Veranstaltungen eingeladen wurde, etwa zu zahlreichen Mittagessen im Kreise der Berufseinsteiger (im 1. und 2. Berufsjahr), Mandantenpräsentationen, Fortbildungsveranstaltungen und zur Weihnachtsfeier. Nach den Berichten anderer Referendare ist das wohl eher eine Ausnahme.
Das Freizeitleben

Was die Stadt alles an Freizeitmöglichkeiten bietet, mag jeder selbst entdecken, der die Chance hat, über den Teich zu fliegen. Die Stadt bietet wirklich für jeden etwas. Mein Freizeitleben unter der Woche hat sich oft darauf beschränkt, noch etwas essen oder trinken zu gehen (in drei Monaten kann man ohne Weiteres jeden Abend woanders hingehen). Dadurch wurde die Zeit an den Wochenenden schon fast knapp, um all das anzusehen, was ich mir so vorgenommen hatte. Hinzu kam das eine oder andere Event, an das ich im Vorfeld überhaupt nicht gedacht hatte, wie den New York Marathon und die Halloween-Parade. Und gelegentlich war mir die Stadt einfach zu viel und ich bin mit der Bahn oder dem Bus beispielsweise nach Long Island oder New Jersey gefahren.
Die Unterkunft
Die passende Unterkunft zu finden, ist mitunter nicht ganz einfach, wobei einige Kanzleien dabei auch behilflich sind. Zentral in Manhattan zu wohnen, lohnt sich bei 3-4 Monaten in der Stadt allemal, schon aufgrund der kürzeren Wege. Einziger Haken ist dann der Straßenverkehr, der auch nachts nicht wirklich zur Ruhe kommt. Aber immerhin hört man dann das Klappern der in der Regel uralten Heizungen nicht mehr ganz so arg. Eine Feuerwache in der Straße zu haben, ist übrigens keine gute Wahl. Scheinbar lieben speziell die New Yorker Feuerwehrleute den Klang ihrer Sirenen – insbesondere nachts um drei.
Mit kleinen schwarzen Krabbeltieren verschiedenster Größe muss man in New York übrigens leider in vielen Quartieren rechnen. Und auch Duschen, die nur aus einer Öffnung in der Wand oder bestenfalls aus einer Wasserhahn großen fest verankerten Düse bestehen, gehören leider zum Standard. Wie man sich damit die Füße abspült, wird mir ein Rätsel bleiben.
Der Neidfaktor und die Kosten
Keine Frage, die Ankündigung, dass ich die Wahlstation in New York verbringen würde, hat manchen Referendarskollegen neidisch gemacht. Den Neid der Kollegen erkauft man sich allerdings auch nicht gerade günstig. Zu den Kosten für den Flug (ca. 500 €) kommen je nach Lage und Ausstattung der gewählten Unterkunft (mit 800 $/Monat muss man im Wohnheim rechnen, mein Zimmer mit eigenen Bad lag schon bei 1.100 $) auch noch Ausgaben für Mittagessen (man kann dafür ohne Weiteres 10 $ hinlegen), U-Bahn-Tickets (ein Ticket für 30 Tage kostet 76 $) und natürlich für die Freizeitgestaltungen, die man ins Auge fasst.
Einige Kanzleien honorieren die Arbeit von Praktikanten und Referendaren durchaus großzügig (3.000 $ sind möglich). Allerdings hat sich gezeigt, dass mit den Gehaltszahlungen (durchaus verständlicherweise) auch die gestellten Ansprüche steigen – allerdings weniger in fachlicher Hinsicht. Die besser bezahlten Kollegen haben viel Zeit mit nervenaufreibenden Routinetätigkeiten verbracht.
Wie kommt man an eine Station?
Wenn man nicht Kontakt zu Anwälten hat, die über Beziehungen in die USA verfügen, ist vermutlich der einfachste Weg, sich unmittelbar auf eine Auslandsstation bei der deutschen Niederlassung einer internationalen Großkanzlei zu bewerben. Die meisten internationalen Kanzleien halten entsprechende Plätze vor, die sie natürlich bevorzugt an Referendare vermitteln, die auch die Anwaltsstation bei Ihnen verbringen.
Aufgrund der Erfahrungen anderer Kollegen kann ich nur raten, sich im Vorfeld genau nach der Arbeit zu erkundigen und sicher zu stellen, dass man einen festen Ansprechpartner in der Kanzlei hat (der einen dann hoffentlich auch vernünftig einbindet). Allein eine tolle Bezahlung macht noch keine gute Station – abgesehen davon, dass dann ggf. ohnehin die Vergütung aus Deutschland wegfällt.
Dass ein Aufenthalt in den Staaten nur sinnvoll ist, wenn man des Englischen mächtig ist, dürfte sich von selbst verstehen. Es bringt herzlich wenig, wenn man sich nicht nur in einem (je nach Schwerpunktbereich) bis dato mehr oder weniger unbekannten Rechtssystem mit seinem speziellen Vokabular zurechtfinden muss sondern auch noch im Alltagsleben schnell auf Sprachbarrieren stößt. Praktikanten vor dem 1. Examen nehmen Kanzleien übrigens nur sehr vereinzelt und dann oft nur auf ausdrückliche Empfehlung.
Fazit
Drei Monate fernab der Heimat sind mit Sicherheit nicht nur in sprachlicher Hinsicht lohnend. New York ist hierfür eine Wahl, die verdammt viel Spaß macht.
Kommentare
So, 29.06.2008 18:47
Auch wenn der Artikel schon etwas älter ist - sehr schön geschrieben - er hätte ruhig noch umfangreicher/länger sein [...]
So, 23.03.2008 22:46
Eine Freundin von mir war betroffen. Sie war draussen auf der Wiese und irgendwie ging das Notebook dann aus. Später [...]
Sa, 08.03.2008 22:55
Hallo Nicole, sorry, Dein Kommentar ist irgendwie hängengeblieben und meine Antwort ist vermutlich nicht mehr [...]
Sa, 08.03.2008 22:45
[quote]Hat ein Student nichtdas Recht zu wählen, ob er in Zeiten der Terrorgefahr überhaupt auf den ÖPNV umsteigen [...]
Sa, 08.03.2008 22:30
a) ja, es ist kein Feed im klassischen Sinne. Diese Seite dient insbesondere all denen, die - ohne sich mit RSS, [...]
Do, 06.03.2008 04:32
Zwangsticket jetzt streichen ! Hat ein Student nicht das Recht zu wählen, ob er in Zeiten der Terrorgefahr überhaupt [...]
Mi, 30.01.2008 03:39
irgendwie ist das kein richtiger feed der da kommt, oder? oft zeigt der aggregator nur die beiträge von vor ein paar [...]
Mo, 28.01.2008 12:15
er sie es
Mo, 07.01.2008 13:18
ja die Feiertage hab ich gut verbingen können
Mi, 12.12.2007 16:39
Hallo, wir wollen dieses Jahr auch den Drachenfliegerkurs buchen. Weißt du, wann die Fahrt im Sommer immer stattfindet? [...]
Mi, 07.11.2007 13:58
Ich vermute jetzt einfach mal, daß man Gremium und Organ verwechselt hat - wir sind wohl kein Organ der Hochschule, aber [...]
Mi, 07.11.2007 02:46
Während der Sitzung teilte Vizepräsidentin Keitel-Kreidt dem erstaunten Publikum außerdem mit, dass die KfL nicht [...]
Fr, 12.10.2007 15:39
Hallo Martin, da würde ich mir an Deiner stelle keine Sorgen machen, da sehr viele Seminare erst in diesem Zeitraum [...]
Di, 09.10.2007 20:36
Ist bekannt, wann spätestens die Anmeldung zur Abschlußarbeit erfolgen muß? Ich bin im 6. Semester und schreibe [...]
So, 02.09.2007 07:48
Freut mich, dass Du an der Sammlung Gefallen findest. Ich werde mal ein gedrucktes Exemplar zu Euch rüberschicken im [...]