
Wer glaubt, beim Hochschulsport drehe sich alles nur um allseits bekannte Breitensportarten, täuscht sich da gewaltig. Beim Aufschlagen des Programmheftes – besser Programmbuches – des Hochschulsportes, mag so manche/r sich von der schieren Fülle des Angebotes schlicht erschlagen fühlen. Zwischen den oben erwähnten Breitensportarten, die sehr wohl angeboten werden, verbergen sich dann dutzende Angebote, deren Einordnung allein anhand des Namens selbst dem sportlich ambitionierten Studenten oftmals schwerfallen dürfte. Sportangebote wie Wakeboard, Kendo, Futsal oder Aqua-Chi werden sicherlich schon den ein oder anderen ins Grübeln versetzt haben. So verwundert es kaum, daß es sogar möglich ist Kurse im Drachenfliegen zu buchen, was ich dann im letzten Sommersemester auch getan habe.
... eine lange Anreise ...
Die Anzeige im Beiheft des Hochschulsportprogramms klang schon vielversprechend: Drachenfliegenlernen in Südfrankreich. Doch das ist nicht gerade um die Ecke. Wer selbst schon mal 1800 km mit dem Auto gefahren ist, nur um zum Urlaubsort zu kommen, weiß wie unglaublich schlauchend das ist. Die Flugschule befindet sich in Millau, einem kleinen französischen Städtchen am südlichen Ausläufer der Cevennen gelegen. Die Cevennen sind ein riesigen Kalksteinmassiv, durch welches sich etliche Flüsse ihre Läufe gebahnt und dabei beeindruckende Schluchten, Canyons und Höhlensysteme hinterlassen haben. Insbesondere die eindrucksvolle Gorges du Tarne lockt jedes Jahr viele Touristen aus aller Welt. Aber auch kulturell hat die Gegend viel zu bieten. In der Nähe befindet sich Roquefort, die Heimatstadt des gleichnamigen Schimmelkäses, sowie etliche mittelalterliche Siedlungen, welche teilweise vollständig erhalten geblieben sind. In Millau steht auch das größte Viadukt der Welt, designed by Norman Foster. Abgesehen von alledem ist Millau auch ein wahres Mekka für Drachen- und Gleitschirmflieger aus aller Welt. Hier wurden bereits mehrfach Europa bzw. Weltmeisterschaften beider Disziplinen ausgetragen.
... der frühe Vogel fängt den Wurm ...
Die Unterkunft – eine von der Drachenflugschule betriebene kleine Herberge – ist wunderschön auf einem Berg nördlich von Millau gelegen. Die Einrichtung rangiert etwa zwischen besserer Jugendherberge und einfachem Hotel, doch nach ein paar Tagen fühlt man sich richtig heimisch, zumindest mir und den übrigen zehn Kursteilnehmern ging das so. Besonders schön war es auch, auf der Terasse bei einem guten französischen Wein den Sonnenuntergang zu genießen und dabei zu grillen. Am ersten Abend verriet uns Jürgen, unser Fluglehrer, allerdings erstmal eine erschreckende und eine beruhigende Nachricht: Beruhigend war zu hören, daß die schwerste Verletzung in all den Jahren und über 2500 ausgebildeten Drachenflugschülern einmal ein gebrochener Oberarm war. Man brauchte also nicht das Gefühl zu haben, ein besonderes Wagnis in den nächsten Tagen einzugehen. Erschreckend war allerdings, daß aufgrund der Lage des Übungshanges und der meteorologischen Bedingungen in der Region nur zwischen 8°° und 12°° oder an Ausnahme Tagen gerade mal bis 13°° unterrichtet werden kann. Dies bedeutete, wir mußten, damit alle noch duschen, frühstücken und sich anzuziehen konnte, jeden Tag um halb sechs aufstehen. Am ersten Morgen fiel dies natürlich überhaupt nicht schwer, schließlich war man fürchterlich aufgeregt endlich in die Luft zu kommen. Allerdings war es fürchterlich kalt und nieselig.
... aller Anfang ist schwer ...
Nachdem wir die Drachen in den Packsäcken auf den Transporter geladen hatten, ging es endlich los zum Übungshang, wo wir eine Einweisung in den Aufbau der Fluggeräte erhielten. Wer schon einmal ein Zelt aufgebaut hat, wird sich stark daran erinnert fühlen. Nach einem kleinen Aufwärmprogramm begannen wir mit einfachen Laufübungen und rannten mit dem Drachenvieh auf den Schultern den Hang runter, nur um diesen sogleich für den nächsten der an der Reihe war wieder hoch zu schleppen. Am Abend taten einem da die Oberarme, auf denen der Drachen beim Tragen aufliegt, fürchterlich weh, schließlich wiegt so ein Ding stolze 20kg.

Auch an den nächsten Tagen ging diese Schinderei erstmal am Boden weiter, stetig begleitet von den anweisenden Rufen unseres Fluglehrers. „Schau nach voooorne! Nach voooorne!“, mußte sich jeder Flugschüler anhören während er den Hang hinunter hetzte. Eigentlich war wohl jedem eher danach zu schauen, was denn der Drache gerade über einem machte, der meist begann schon mächtig im Wind zu tanzen. Hinzu kam, daß der Hang komplett mit, teilweise kniehohem Klee bewachsen war, der durch den nächtlichen Tau natürlich voller Wasser stand. Es dauerte also maximal fünfzehn Minuten, bis selbst die teuersten Goretex Stiefel und Hosen bis zu den Oberschenkeln komplett durchnäßt waren. In der morgendlichen Kälte förderte dies die allgemeine Motivation verständlicherweise nicht unbedingt. Mit steigender Übung im Hang-hinunter-rennen, wanderten wir langsam selbigen beständig hinauf und die ersten konnten so schon kleinere Schrittchen in der Luft machen.
... frei wie ein Vogel? ...
Aber die Schinderei sollte endlich belohnt werden. Zwar war an den ersten Tagen das Wetter nicht so sehr auf unserer Seite gewesen, aber am vierten Tage hatten die meisten bereits abgehoben. Das erste Mal, wenn es einem die Beine richtig vom Boden hebt, vergißt man wohl nie. Das störrische Biest, als welches sich der Drachen am Boden bis dahin präsentiert hatte, wird in der Luft auch endlich kontrollierbar. Geschmeidigt fügt sich dieser in die vom Piloten eingeleiteten Kurven und schaukelt dem Spiel des Windes folgend durch die Lüfte. Es hatte bei mir eine Weile gedauert, bis ich es im Flug geschafft hatte auch mal den Blick gen Boden schweifen zu lassen. Am Anfang ist einfach die ganz Aufmerksamkeit auf die Kontrolle des Fluggeräts konzentriert, aber wagt man einmal den Blick in die Tiefe, kann sich wohl keiner eines Schauderns erwehren, wenn sie/er bis zu fünfzig Meter unter sich hat. Wahrscheinlich liegt es einfach daran, daß es der Natur des Menschen so fremd ist, in der Luft zu schweben, und es kann wohl niemand behaupten ohne zumindest einen Hauch von Flugangst an den Start zu gehen. Mit zumehmender Übung und Kontrolle obsiegt doch das Gefühl des Glücks und der unendlichen Freiheit, wenn man durch die Lüfte gleitet und der Drache einen dorthin trägt, wohin man ihn steuert. So oder so ähnlich wurde das Fliegen von allen Teilnehmern einhellig empfunden.
Die letzten Tage waren davon geprägt die Flugeigenschaften des Drachens noch besser kennenzulernen und zu meistern, sowie das Start- und Landeverhalten zu verinnerlichen. Mittlerweile waren wir auch an der obersten Hangkante angelangt und mit dem thermischen Aufwind, der aus dem Tal emporstieg, konnten bereits Flughöhen von bis zu 60 Metern über Grund erreicht werden.
... Heimfahrt ...
Am Abschluß des Kurses stand ein gemeinsames Abendessen aller Drachenflugschüler und unserem Fluglehrer in einem traditionellen französischen Restaurant mit fantastischer Küche. Wir alle hatten Blut am Drachenfliegen geleckt und so mancher war fest entschlossen auch nach dem Urlaub weiterzumachen. Trotz der teilweise widrigen Wetterlage hatten wir einen fantastischen Urlaub in Südfrankreich mit leckerem Wein, Baguette und Käse. Das Drachenfliegen war ein unglaubliches Erlebnis und ich kann an dieser Stelle nur jeder/m empfehlen, die/der Sehnsucht verspürt einmal frei wie ein Vogel zu fliegen, es zu versuchen.
Rainer Horbach
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