Mittwoch, 25. April 2007
Sehr geehrte Frau Krieger, Sie haben zum vergangenen Wintersemester einen Ruf an die Freie Universität und damit an unseren Fachbereich angenommen. Was hat Sie bewogen sich für den Lehrstuhl für Öffentliches Recht Völkerrecht hier in Berlin beworben?
Der Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Völkerrecht ist ein bundesweit sehr bekannter und ein sehr interessanter Lehrstuhl. Der Standort Berlin ist aus der Sicht des Völkerrechts einzigartig. Wir haben die Nähe zu den Bundesministerien, die Nähe zur Politik – das macht Berlin attraktiv für das Völkerrecht aber auch für meine öffentlich-rechtlichen Forschungsschwerpunkte. In Berlin findet im Hinblick auf völkerrechtliche Forschung, Konferenzen, Kongresse sehr viel statt. Diese räumliche Nähe hat mich in ganz besonderer Weise gereizt.
Ihr erstes Semester an der FU neigt sich ja jetzt dem Ende zu. Wie ist Ihr persönlicher Eindruck von der Freien Universität? Wo sehen Sie mögliche Stärken bzw. Schwachstellen?
Die FU ist eine sehr moderne Uni. Die Umgestaltung der Studiengänge im Einklang mit den neuen Anforderungen, die sich aus dem Hochschulrecht und aus anderen politischen Vorgaben sowie aus der Internationalisierung von Forschung und Lehre ergeben, ist sehr weit fortgeschritten - da passiert hier viel. Was mir besonders aufgefallen ist, gerade auch in meinem ersten Semester, war das Engagement der Studenten. Zum einem ist das allgemeine, das hochschulpolitische Engagement, das durch das Defo und die anderen Gruppen vertreten wird, hier in Berlin sehr ausgeprägt. Zum anderen sind die Studierenden in der Vorlesung sehr engagiert. Es hat mich positiv erstaunt, wieviel Reaktionen von den Studierenden kam, in welchem Ausmaß man in dem Rahmen, in dem das in einer Vorlesung überhaupt möglich ist, mit den Studierenden diskutieren kann und welche Fragen kommen. Insbesondere bei den Nachfragen und bei den Emails, die ich bekomme, habe ich ein reges Interesse wahrgenommen. Es gab keine Scheu oder Angst, irgend etwas falsch zu sagen, was sonst ja leider auch ein Problem ist. Das finde ich hier an der FU besonders positiv, da ich das an anderen Universitäten anders erlebt habe.
Wollten Sie eigentlich schon immer Jura studieren oder wie sind Sie zu diesem Studium gekommen?
Ich war zunächst hin- und hergerissen zwischen Jura und Geschichte. Aufgrund meines starken Interesses an Geschichte und Englisch, hätte ich mich gerne in die englische Geschichte vertieft. Ich habe mich aber gegen ein Geschichtsstudium entschieden, weil ich mich nicht nur mit vergangenen Sachverhalten beschäftigen wollte, sondern mit zukünftigen und einen Forschungsbereich, überhaupt einen Ausbildungsbereich haben wollte, mit dem man auch gestalten kann. Und das ist in Jura in besonderer Weise gegeben - man kann sich mit aktuellen politischen Fragen auseinandersetzen. Aufgrund meines historischen, politischen und sprachlichen Interesses war das Völkerrecht naheliegend, weil man im Völkerrecht diese Interessen gut miteinander kombinieren kann. Hier ergänzt sich der Sinn für das Historische mit dem Interesse am tagespolitischen Geschehen. Man lebt aber im Jetzt.
Sie betreiben die „Juristerei“ ja nicht als Anwältin oder Richterin in der Justiz bzw. Wirtschaft, Verwaltung, sondern als Wissenschaft. Was reizt sie so daran?
An der Wissenschaft reizt mich zum einen die Möglichkeit der vertieften Auseinandersetzung, d.h. einer Fragestellung ganz auf den Grund gehen zu können und dafür die Freiräume zu haben, die man z.B. als Anwalt nicht hat. Mich reizt auch die Möglichkeit der Einflussnahme auf das politische Geschehen - gerade in der Rechtswissenschaft hat man ja durchaus die Gelegenheit, auf die Meinungsbildung im national-politischen und international-politischen Bereich Einfluss zu nehmen. Und schließlich begeistert mich die Freiheit, die mit der Forschung verbunden ist, selbstbestimmt die Themen zu suchen, die mich interessieren. Genauso reizt mich die Lehre! Das ermöglicht mir, immer weiter den Kontakt zu den Studierenden zu haben, zu deren Interessen, zu den jeweils neuen jungen Generationen. Es ist trotz der Probleme und der Einschränkungen der Massenuniversität eine sehr reizvolle Sache, Studierenden Hilfestellungen zu geben und Erfahrungen weitergeben zu können.
Also hat auch die Tatsache, näher am Menschen zu sein, für Ihre Entscheidung Hochschullehrerin zu werden eine Rolle gespielt?
Ja, das auch. Die Forschung, in Kombination mit der Lehre ist ja gar nicht so fern von den Menschen, wie man meinen könnte, sondern eigentlich sehr nah dran. Das ist sehr schön und reizvoll.
Also, würden Sie sich heute, wenn Sie erneut vor der Wahl „Jura, oder...?“ stünden, erneut für dieses Studium entscheiden?
Ja, würde ich (überzeugt).
Sehr eindeutig.
Ja, war das Richtige (lacht).
Was hat sich am Studium oder auch den Studierenden seit Ihrem Studium verändert?
Ich glaube, die Verschulung ist heute sehr viel stärker geworden durch die verschiedenen Strukturierungen, die Unterteilung in Grund- und Hauptstudium, die Wiedereinführung der Zwischenprüfung, die Modularisierung, die jetzt kommt. Wir hatten damals mehr Freiräume, die vielleicht zu einer noch größeren Unsicherheit geführt haben, obwohl das für mich schwer zu beurteilen ist, weil ich nicht genau weiß, wie groß die Unsicherheit bei den Studierenden heute ist. Man hat heute zwar ein paar klarere Vorgaben, dafür aber auch weniger Möglichkeiten. Ich habe es jetzt gerade im Rahmen verschiedener Bewerbungsgespräche erlebt, wieviel Bedenken die Studierenden haben, mit einem Erasmusprogramm ins Ausland zu gehen, weil ein Auslandsaufenthalt das Studium unterbricht. Da das Studium so verschult ist, haben die Studierenden den Eindruck, daß man nicht mal eben für ein halbes Jahr oder ein Jahr etwas anderes machen kann. Das finde ich sehr bedauerlich, denn das Erasmus-Studium hatte sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren als sehr schöne Alternative und wichtiger Bestandteil des Studiums herausgebildet. Ich habe ein wenig den Eindruck, dass wir jetzt Gefahr laufen, dass diese positive Entwicklung wieder wegbricht. Das wäre sehr schade, weil der Auslandsaufenthalt sehr wichtig ist. Gerade heute hat die Internationalisierung des Studiums auch im Hinblick auf den Arbeitsmarkt große Bedeutung. Ein Erasmus-Studium ist auch eine persönlich wichtige Erfahrung, weil man ein halbes Jahr in einem ganz anderen Umfeld lebt.
Sie haben ja auch im Ausland studiert.
Ja, das ist eben nicht nur im fachlichen, sondern auch im persönlichen Bereich sehr wichtig. Das kann ich selbst sagen. Aber das kommt jetzt, so habe ich den Eindruck, etwas zu kurz.
Denken Sie, dass liegt eher am Studium oder den Studierenden?
Ich glaube, es liegt am Studium, das jetzt so straff gestaltet ist, und am Arbeitsmarkt, der für Juristen noch schlechter geworden ist, so dass der Druck, der vom Arbeitsmarkt ausgeht, schon an der Universität während des Studiums gespürt wird und bei den Studierenden im Hinterkopf haftet. Da fragt man sich natürlich sehr genau, wie lange man studieren sollte. Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen, dass das unbegründete Ängste sind. Das Jahr mehr macht es nicht aus, sondern die Erfahrung ist viel wichtiger, die man in so einem Jahr gewinnt.
Gibt es noch etwas – außer Auslandsaufenthalten –, das sie den heutigen Studierenden ans Herz legen würden? Was sollte ein Jurastudent mitnehmen am Ende seines Studiums?
Wichtig scheint mir immer wieder zu betonen, dass es nicht darum geht, die letzten Detailprobleme auswendig zu lernen, sondern, dass es darum geht, das System zu erfassen. Die systematischen Strukturen, die strukturierte Denkweise ist entscheidend dafür, sich argumentativ mit juristischen Fragestellungen auseinandersetzen zu können. Wenn man über diese Techniken verfügt, kann man auch mit Fällen umgehen, mit Problemen, die einem unbekannt sind. Das ist der große Gewinn der deutschen Ausbildung. Wenn man diese Fähigkeiten beherrscht, kann man auch mehr als Juristen aus vielen anderen Ländern, deren Ausbildung noch stärker auf das Auswendiglernen ausgerichtet ist. Diese Fähigkeit zum selbstständigen Arbeiten zeichnet den deutschen Juristen aus. Zunächst ist man zwar verunsichert, aber wenn man die entsprechenden Fähigkeiten erst einmal erworben hat, bedeuten sie eine große Stärke. Das würde ich den Studierenden ans Herz legen. Ansonsten ist sicherlich immer die Internationalisierung, das Europarecht und das Völkerrecht, mein zentrales Anliegen. Diese Kenntnisse sind heute ganz wichtig. Schließlich sollten die Studierenden Zeit in Sprachkenntnisse investieren. Diese braucht man z.B. als Anwalt in ganz vielen Großkanzleien, so dass Sprachkenntnisse auf dem Arbeitsmarkt mittlerweile eine Selbstverständlichkeit sind.
Angenommen, Sie hätten drei Wünsche frei. Welche wären das?
Ich würde mir kleinere Lerngruppen wünschen. Nicht mehr die Massenveranstaltung, sondern Gruppen mit vielleicht maximal 50 Studierenden oder lieber noch weniger, in denen man wirklich vertieft im Gespräch den Stoff erarbeiten kann.
Ich würde mir mehr Geld für die deutschen Hochschulen wünschen (lacht), um solche Lernstrukturen zu realisieren, denn am Geld scheitert es ja letztlich. Kleinere Lerngruppen würden wesentlich mehr Personal verlangen. Den Personalmangel merkt man immer wieder, z.B. bei Veranstaltungen mit 400 Hörern, aus denen der Einzelne deutlich weniger mitnehmen kann als aus Kleingruppen.
Und dass sich der Wissenschaftsstandort Berlin weiterhin so behauptet, wie sich das gerade in der Exzellenzinitiative abzeichnet. Es ist richtig und wichtig für eine Hauptstadt, dass sie einen starken Wissenschaftsstandort bildet und dass auch die juristischen Fakultäten dort einen starken Platz einnehmen. Das wäre für die Studierenden, Professoren und Mitarbeiter eine wichtige Sache, aber auch für den Wissenschaftsstandort Deutschland dringend erforderlich.
Haben Sie einen konkreten Wunsch fürs nächste Semester?
Ich wünsche mir reges Interesse am Völkerrecht, damit ich viel lesen kann (lacht).
Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview mit Frau Prof. Dr. Krieger führte Luise Singer.
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